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Stolpersteine in Budapest
Dialog und Konflikt mit dem deutsch-ungarischen Projekt Bipolar

Von Almut Schröter

Zur Erinnerung an deportierte Juden wurden am Wochenende mit dem deutsch-ungarischen Kulturprojekt Bipolar die ersten drei Stolpersteine in Ungarn verlegt. Die Aktion stieß nicht nur auf Sympathie.

Ein kauender Passant mit Döner in der Hand stößt einen meiner Journalistenkollegen unsanft gegen den Arm und will wissen, was der Menschenauflauf in der Ráday Utca zu bedeuten hat. Als er erfährt, dass in dieser Straße Budapests die ersten drei Stolpersteine in Ungarn zur Erinnerung an durch die Nazis verschleppte Juden in den Gehweg eingelassen werden, nickt er still und bleibt noch eine Weile. Er hört die Geschichte über ein kleines jüdisches Mädchen, dass von ungarischen Nachbarn vor der Deportation gerettet wurde. Das kleine Mädchen von damals ist anwesend. Die alte Dame hatte ihr Kindheitserlebnis einem Galeristen erzählt, der in der selben Straße jetzt eine Ausstellung über den Stolpersteinerfinder Gunter Demnig zeigt. An 225 Orten in Deutschland verlegte der Aktionskünstler bereits Stolpersteine.
Aus der Gaststättentür im Haus Nummer 5 der Ráday Utca, vor dem nun eine kleine Messingplatte mit Namen an den früheren jüdischen Mieter Rónai Béla auf dem Gehweg erinnert, murren drei junge Kellner. Sie meinen, es sei Zeit, sich jetzt Opfern des sozialistischen Systems zuzuwenden. Die alten Juden unter den rund 100 Gästen der Aktion wollen mit den jungen Männern nicht reden. Sie ziehen mit dem Aktionskünstler weiter zu den Häusern Nummer 25 und 31b, wo Stolpersteine für Vidor Oszkár und Pollák Imre verlegt werden und treffen sich dann in der nahen Galerie B in der Stolperstein-Ausstellung. Indessen -stolpern« Passanten über die Messingplatte mit der Gravierung.
Das Klischee, die ungarische Bürokratie sei schwerfällig, bewahrheitete sich bei dieser Initiative nicht. Die Budapester Stadtverwaltung habe auf das Stolperstein-Vorhaben innerhalb des deutsch-ungarischen Kulturprojekts Bipolar der Kulturstiftung des Bundes schnell und konstruktiv reagiert, erzählt die gebürtige Ungarin Ágnes Berger, Initiatorin der Aktion. In relativ kurzer Zeit sei alles genehmigt worden. Ferenc Gegesy, Bürgermeister des 9. Distrikts, in dem die Stolpersteine in den Boden gelassen wurden, hatte am Vorabend bei einem Forum im Goethe-Institut Budapests Erfolg gewünscht. Ansonsten hielten sich Stadtpolitiker der Aktion fern und bestätigten damit die Meinung des ungarischen Historikers Laszlo Karsai, der auf dem Forum sagte, er habe Zweifel daran, dass die Politik sich gegenwärtig den Holocaust zum Thema machen wolle.
Die Bevölkerung ist ihnen indessen beim kulturellen Dialog über den Umgang zum Erinnern und Vergessen voraus. Wurden die ersten Erinnerungsorte an die Deportationen mit Hilfe eines wissenschaftlichen Beirats und mit Unterstützung von Werner Jung aus dem NS-Dokumentationszentrums Köln und dem Holocaust Gedenkzentrum Budapest ausgewählt, kommen jetzt schon Vorschläge aus ungarischen Ortschaften.
Weitere 47 Stolpersteine sollen mit dem Bipolar-Projekt im Juli und August in Ungarn auf dem Lande verlegt werden. Agnes Berger ist sich der Brisanz der Initiative bewusst. Sie sagt, vor der Wende wurde in Ungarn über das Thema einfach nicht gesprochen. Auch wenn es Gedenkorte gibt, konnten sich Vorurteile und Klischees bis heute halten und brechen bei solchen Anlässen hervor.
Bei der Aktion am vergangenen Wochenende stellte sie sich unerschrocken auf der Straße dem verbalen Angriff einer jungen Passantin, die behauptete, die ungarischen Kommunisten seien auch alle Juden gewesen und deshalb brauche man auch der Deportierten nicht zu gedenken. Ágnes Berger würde Ungarn mit ihrer Idee nur Schande machen. -Das glaube ich nicht«, meint sie, -denn jetzt wird endlich darüber geredet.-